Was Elly Maldaque mit Mollath zu tun hat

Entpolitisierte Kunst genügt dem ueTheater nicht. Das Ensemble spielt die Geschichte der „Lehrerin Elly“ im Uni-Theater – auch wegen aktueller Bezüge.

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Regensburg. Im Mai trafen sie die Entscheidung für das Stück „Lehrerin Elly“ von Josef Wolfgang Steinbeißer. Seit vier Monaten arbeiten die acht Ensemblemitglieder des ueTheaters an der Uraufführung, diskutieren, proben, diskutieren wieder – nicht nur über die Geschichte der Elly Maldaque, die als erstes Regensburger Opfer der Nationalsozialisten gilt, nicht nur über Steinbeißer, der mit der Lehrerin eng befreundet war, über seine Sprache und Dramaturgie – sondern auch und immer wieder über Parallelen der damaligen Geschehnisse mit Vorfällen der Gegenwart.

„Man hat als ganz normaler Bürger wenig Mittel an der Hand, die Wahrheit ans Licht zu bringen,“ sagt Lena Ghio, die bei der jüngsten Produktion des ueTheaters die Elly Maldaque verkörpern wird.
Sie bezieht sich damit nicht nur auf den Fall Maldaque, sondern denkt auch an Gustl Mollath oder Tennessee Eisenberg.
An Fälle, in denen die Macht staatlicher Stellen, von Behördenvertretern oder Polizei, zu groß und unangreifbar schien, in denen sich die Frage nach der Rechtsstaatlichkeit ihres Handelns stellt.

Abgeschoben in die Psychiatrie

Gerade das Schicksal von Gustl Mollath weist Parallelen zu dem der Lehrerin auf, die nationalkonservativ ausgerichtete Kreise 1929 und ’30 bespitzeln ließen, als Kommunistin denunzierten und unter einem Vorwand in die Nervenheilanstalt Karthaus-Prüll steckten. „Es gibt diese Fälle eben auch heute noch, wo totales Unrecht geschieht, wo jemand verräumt wird, weil er unbequem ist, weil irgendetwas nicht passt,“ sagt Joachim Lösel, der im Stück Ellys Vater darstellt.

Regisseur Kurt Raster erinnert auch an Ilona Haslbauer. Die Regensburgerin wurde vor sieben Jahren wegen vorsätzlicher Körperverletzung verurteilt, weil sie eine Frau mit dem Einkaufswagen angefahren hatte. Aufgrund einer laut Gutachter wahnhaften Störung kam sie in die geschlossene Psychiatrie und ist dort, soweit Raster weiß, bis heute. „Weil sie jemanden mit dem Einkaufswagen gerammt hat“, wundert sich der Theatermann.

Elly Maldaque 1927 auf der Jahn-Insel Foto: MZ-Archiv/Wunner Archiv und Archiv Simplicissimus
Elly Maldaque 1927 auf der Jahn-Insel Foto: MZ-Archiv/Wunner Archiv und Archiv Simplicissimus

Elly Maldaque 1927 auf der Jahn-Insel Foto: MZ-Archiv/Wunner Archiv und Archiv Simplicissimus
Das ueTheater hat ausdrücklich politische Ambitionen: Die Stücke sollen etwas aussagen, ein Thema anpacken, das „auf den Nägeln brennt“, wie Raster sagt. „Wir wollen die Auseinandersetzung, durch klare Positionierung.“ Am Mittwoch um 19.30 Uhr hat das 1930 entstandene Stück „Lehrerin Elly“ Premiere – im „Elly Maldaque Theater“, wie Raster grinsend sagt, denn seit Jahren kämpft er vergeblich um die Umbenennung des Theaters an der Universität. Er kämpft für die Würdigung einer besonderen Frau, die erst durch die Kunst, durch etliche Dramatisierungen, eine historische Figur geworden sei. Und: „Der Fall Elly Maldaque ist gruselig aktuell“, sagt Raster.

NSA und Wirtschaftskrise

„Es war die Übergangszeit von der bürgerlichen Demokratie zum Nationalsozialismus. Man sieht die Fehler jener Zeit, dass man auf dem rechten Auge blind war, dass der Staat mit den Nazis zusammengearbeitet hat. Heute arbeitet der Verfassungsschutz mit Nazispitzeln zusammen. Und die NSA überwacht den privaten E-Mailverkehr“, so wie die Rechten damals Maldaques Tagebuch als Munition gegen sie verwandt hatten, sagt Raster. „Uns allen geht es ums Nachdenken, darum, dass die Demokratie geschützt wird“, sagt Raster, und Ghia ergänzt: „Es geht um Wachsamkeit.“

Der Regensburger Autor Steinbeißer hatte die junge Lehrerin Elly sehr gut gekannt.
Viele Zitate aus dem Stück sind im gleichen Tonfall gehalten wie Ellys Tagebuch.
Dass Steinbeißers Drama nach über 80 Jahren die Uraufführung erfährt, hat seine Berechtigung, auch wenn das Stück schon sehr textlastig ist und in einer „ungewöhnlich altertümlichen Sprache“ abgefasst ist, wie Sara Rettig, die Ellys Mutter spielt, zugibt.
„Doch das ist interessant, vom Schauspielerischen her, wenn nicht so viel drumherum passiert.“
Das Stück hat genügend überraschende Wendungen, ist Joachim Lösel überzeugt. „Ich bin sicher, das Publikum wird gebannt davorsitzen.“
Drei Gelegenheiten gibt es: Mittwoch, Donnerstag und Freitag um 19.30 Uhr im Theater der Universität (Karten unter Tel. 09 41-70 02 99).
Service

Geboren wurde Elly Maldaque am 5. November 1893 in Erlangen. Sie arbeitete als Volksschullehrerin an der Von-der-Tann-Schule in Regensburg.
Durch die Denunziation durch Nationalsozialisten geriet sie ins Visier des Staates. Als vermeintliche Kommunistin und Freidenkerin wurde sie ab Herbst 1929 systematisch bespitzelt.
Im Juni 1930 wurde Elly Maldaque fristlos gekündigt. Dass weder das Kollegium noch Eltern jemals eine kommunistische Neigung der Lehrerin wahrgenommen hatten und sich in einer Unterschriftenaktion 33 Eltern, darunter auch solche deutschnationaler Gesinnung für Elly Maldaque aussprachen, half nichts.

Am 9. Juli 1930 wurde Elly Maldaque nach einem angeblichen Zusammenbruch bei ihrem Anwalt unter Einsatz massiver Gewalt „wegen gemeingefährlicher Geisteskrankheit“ in die Heil- und Pflegeanstalt verbracht. Dort starb sie elf Tage später, am 20. Juli 1930, offiziell an einer Lungenentzündung.

Der rätselhafte Todesfall hatte ein riesiges Medienecho. Über 90 Zeitungsartikel erschienen. Und namhafte Autoren wie Walter Mehring und Ödön von Horvath und auch der Regensburger Dramatiker Josef Wolfgang Steinbeißer nahmen sich schon 1930 des Stoffes an.
2013 ist im Regensburger Pustet-Verlag das Buch erschienen: „Der Fall Maldaque. Ein Willkürakt mit Todesfolge. Beiträge und Dokumente“. Herausgegeben wurde das Buch von Waltraud Bierwirth, Luise Gutmann, Klaus Himmelstein und Erwin Petzi (301 Seiten, 29,95 Euro, ISBN 978-3-7917-2478-2)